Evangelisches Familienferienheim Domburg e.V.


Aus der Broschüre von Gerd Piorr "Domburg - Walcheren -Marezate"

Domburg

I. Onze lieve Vrouwe: von Römern, Provinzlern, Treveri und deren Geschäften

II. Die Handelsgeschäfte blühen weiter unter Franken, Merowingern und Karolingern. Den Normannen schließlich verdankt der Ort seinen Namen

III. Was das Mittelalter hinterläßt: Domburg als Stadt, "Onze lieve Vrouwe" in der Kirche

IV. Das 19. jahrhundert bevölkert wieder Strand und Ort. Das 20. Jahrhundert läßt die Zeit langsamer gehn. Aber die Zukunft beschließt der "Raad van Domburg"

Middelburg

I. Der "Lange Jan" überragt alle und sein Glockenspiel läßt weltliche Weisen erklingen: Die Abtei

II. Der Stolz des Bürgertums : Neptun als Wetterfahne, eine Königin als "Onze lieve Vrouwe": Das Keldermans'sche Ratbaus

Veere

I. Die Kreuzbasilika "Onze lieve Vrouwe ter Sneeuw"

II. Die "Grote Kerk" erlebt Oekumene. Ihre wechselvolle Geschichte: Kirche - Kaserne - Lazarett - schließlich kulturelles Zentrum

III. Eine Heirat bringt Reichtum, ein Deich das rubigste Städtchen im Land: "Stadhuis" und "Campveerse toren"

Vlissingen

I. Die St. Jacobuskirche und das "De Ruyterfenster"

II. Fischerei - Kauffartei - Kaperei: Hafen und Industriestadt

Kasteel Westhove


WO DIE ZEIT LANGSAMER GEHT: Domburg

I. Onze lieve Vrouwe: von Römern, Provinzlern, Treveri und deren Geschäften

Wenn die Römer nicht gewesen wären, jene Geschichtsbeginner in unseren Landen! Von uns Kelten und Germanen am Rhein und seinen Mündungen mit ihren Küstenbewohnern wäre keine Völkerbewegung ausgegangen. Wir säßen immer noch da, wo wir saßen und begnügten uns mit Bier. Und NEHALENNIA hätte viel weniger Verehrer gefunden. Vielleicht dächte niemand mehr an sie.

Aber so beginnt in DOMBURG die Geschichte mit einer Frau, die sich verehren läßt. Germanen wäre das nie eingefallen! Diese Dame sitzt also, in Kalkstein gemeißelt, in der Nische ihrer Weihesteine. Daß sie sitzt beweist: sie ist keine römische Importware. Der Leser ahnt schon: auch die Vorfahren der Calvinisten waren fromme Leute. NEHALENNIA war ihre Göttin. Ein Tier und ein Korb mit Früchten an ihrer Seite lassen darauf schließen, daß man ihr den Segen des Landes dankte.

Als der Römer Gaius Julius Caesar im Jahre 51 vor Christus schließlich Gallien zur Provinz degradierte und das Land bis zum Rhein dem römischen Imperium einverleibte, kamen seine Legionäre auch an den Strand von Domburg. Die Völkerverständigung war perfekt: NEHALENNIA bekam weitere Verehrer. Daß sie dabei etwas umfunktioniert wurde, wird sie sicher nur erfreut haben. Und dass ihre Inschriften nun lateinisch waren, genoß sie als Ehre.

Nach fast 100 Jahren war es soweit: 43 nach Christi machen die Römer Britannia zu ihrer Provinz. Domburg wurde Handelsplatz für römischen Nachschub von Rhein und Mosel. Rechte Kaufleute versichern sich. Nirgends besser als bei NEHALENNIA in Domburg. Ein Votivstein für die Göttin -das Geschäft für sie. So beginnt der Englandhandel. Und die Namen der Provinzler, der Kölner und Trierer Kaufleute bleiben als Inschrift in Stein der Nachwelt erhalten.
DEAE NEHALENIAE MARCUS EX CINCIUS AGRICOLA CIVES TREVER NEGOTIA TOR SALARIUS V(otum) S(olvi) L(ibens) M(erito)
Zu Deutsch: "Marcus, Sohn des Cincius Bauer, Bürger aus Trier und Salzgroßhändler, erfüllt der Göttin NEHALENNIA freudig und gern das Gelübde."

Nachdem Herr Bauer seinen Kalkstein von nicht unübersehbarer Größe (I95 cm hoch, 64 cm breit) am Zentralheiligtum der NEHALENNIA in Domburg aufgestellt hatte, konnte er getrost nach Hause fahren, sein Geld zählen und neue Geschäfte machen. Einige Münzen gingen ihm allerdings am Domburger Strand verloren. So bat die Nachwelt erfahren, daß sich um das Jahr 190 n. Chr. seine Salzgeschäfte in Britannien gelohnt haben.

Urlauber, kommst Du nach Walcheren, so versäume es nicht, NEHALENNIA Deine Aufwartung zu machen. Die Tempelfundamente überspült zwar die Nordsee, aber aus der See gefischte Votivsteine erwarten Dich im "Zeeuws Museum`` in der Abtei von Middelburg. "Bete sie nicht an und diene ihnen nicht``. Aber bewundere die Göttin.

Denn die dann kommende Generation bat sie wieder umfunktioniert zu "Onze lieve Vrouwe". Womit bewiesen zu sein scheint, daß der Matronenkult alle Reiche überlebt.

II. Die Handelsgeschäfte blühen weiter unter Franken, Merowingern und Karolingern. Den Normannen schließlich verdankt der Ort seinen Namen

Militärs unterscheiden sich von anderen Menschen. Sie erkennen mit einem Blick das Richtige. Eine Lagune mit weiter Öffnung zur See nach Norden ist natürlich ein Kriegshafen. Im Gefolge von Heeren machen Händler ihre Geschäfte. Nach den Eroberungen gilt es, die Besatzer mit Proviant zu versorgen. So beginnt Domburgs Hafengeschichte noch bevor der Ort seinen heutigen Namen bat.

Um 270 ziehen sich die Römer zurück in den Nebel der Zeit. Es sind die Franken, jenes Gemisch aus germanischen Stammen, die die Römer zur Eile treiben. Dabei geben wiederum Münzen verloren. Auf der Flucht sind sie ja unnütz. Die Nordsee weint den Davoneilenden nach. Denn wie soll man sich die Periode von Hochwasser und Überschwemmung anders erklären? Zurück bleiben die Einheimischen und Nichtbelasteten. Sie ernähren sich redlich von Fischfang und Jagd.

Nach 550 wird die Nordsee wieder friedlich, Domburg unter den merowingischen Königen Knotenpunkt des Englandhandels. 690 erobert Pippin von Heristal (oder Pippin der Mittlere + 714, Vater von Karl Martell) die Niederlande. England wird derweil von den Angeln und Sachsen erobert. Der Englandhandel funktioniert noch besser. Münzen geben weiter am Domburger Strand verloren, dazu auch andere Metalle.

In der Karolingerzeit nach 768 erlebt der Hafenplatz eine weitere Blütezeit. Das Strandgut wird zudem christlich. Der Angelsachse Willibrord verrichtet erfolgreich seine Missionsarbeit. Er macht es sehr hemdsärmelig. Nach der " Vita Willibrordi" (um 750) zerstört er in Westkapelle ein Abgottbild. Dabei trägt er allerdings Zeichen des Märtyrers davon. Ein Wächter des Heiligtums mißhandelt ihn. Das bat den Missionar noch eifriger gemacht. Er wird der erste Bischof von Utrecht (695). Seine Bekehrten beschädigen die Bildnisse der "Iieve Vrouwe" in Domburg. ja, wenn NEHALENNIA und ihre Mitgötter statt eines Früchtekorbes oder des Dreizackes wenigstens ein Kind auf dem Schoß gewiegt hatten!

Schließlich erbarmt sich die See der geschändeten Votivsteine. An Land geht man derweilen an den Kirchbau (älteste Kirche in Zeeland, Mitte 11. Jhdt.). Er besteht aus zwei Kapellen. Die eine nach Osten, die andere nach Westen. So wird Domburg christlich eingerahmt:

Ostkapelle und Westkapelle sind die Parochien.
Fette Jahrhunderte zahlen ihren Tribut. In Domburg kommt er in Gestalt der Normannen. Da Walcheren karolingisches Königsgut ist, wittern sie reiche Beute. Was tut man, wenn der Feind kommt? Man baut Burgen. Auf Walcheren deren drei: Domburg, Zuidburg (Souburg) und Middelburg. Schutz sollen breite Grachten mit dahinterliegenden Palisaden bieten. Bei Gefahr ziehen sich die Bewohner in die Burg zurück. Sie wohnen dort in primitiven Hütten aus Balken und Reisig. In der Gefahr für sein Reich hilft der Kaiser. Ludwig der Fromme sendet eine Bewachung (837). Doch am 15. Juni 837 wird diese geschlagen. Domburgs königliches Leben als Handelszentrum gehört der Vergangenheit an. Der Normannenfürst Harald entwickelt dafür Middelburg (841). Domburgs Hauser gehen unter in den Dünen. Später rauscht über sie die See.
Aber im Untergang erhalt der Platz, an dem viel Geld gemacht worden war, an dem sich die Völker dem friedlichen Handel hingaben, seinen Namen: "Burg in der Düne" -niederländisch "Duin - burg".

Wem das zu simpel ist, der gebe sich mit einer Legende zufrieden. Beim Bau der Kirche versuchten die Zimmerleute mit viel Mühe, aber vergeblich, einen langen Balken quer durch das Portal zu tragen. Da sahen sie, wie ein Vogel einen langen Strohhalm anbrachte um sein Nest zu bauen. Er nahm ihn nicht quer, sondern der Lange nach in die Maueröffnung. Die Zimmerleute standen verblüfft da und riefen immer wieder: " Was sind wir doch für ,domme burgers!' Denn der Vogel hatte sie gelehrt, wie sie den langen Balken durch das Portal bringen konnten.

III. Was das Mittelalter hinterläßt: Domburg als Stadt, "Onze lieve Vrouwe" in der Kirche

In unserer Zeit verteilen Staatsoberhäupter an Bürger Orden. Im 13. Jhdt. gaben sie Dörfern Stadtrechte. Unsere Ordensritter fühlen sich geehrt und aus der Masse herausgestellt. Im Mittelalter wurde der Bürgersinn geweckt. Eigenes Stadtrecht stellt Bürger über die Leute vom flachen Land.

Auch die Einwohner von Domburg werden Bürger. FLORIS IV. Graf von Holland, verleibt 1223 dem Ort die Stadtrechte. Wie sich das geziehmt, war die Urkunde in lateinischer Sprache verfaßt.
Im Stadtrecht stehen Sicherheit und Gerechtigkeit für alle Bürger im Vordergrund. Der Unterschied zwischen edel und unedel ist auf gehoben. Also brauchen die einen nicht mehr mit rasselnden Säbeln herumzulaufen. Die anderen dürfen keinen mit Wasser verdünnten Wein mehr verkaufen. Und alle Bürger müssen sich ein Haus kaufen.
Was tun Bürger einer soeben gewordenen Stadt zuerst? Als sichtbares Zeichen ihres neuen Standes bauen sie sich ein Ratbaus. Und sind damit auf labre beschäftigt.


Wo sich das heutige Ratbaus befindet, muß auch der erste Bau gestanden haben: im Mittelpunkt der Stadt, am Markt. Mit der Zeit werden die Bürger anspruchsvoller. Und damit ihr erstes Werk unansehlicher. Dem nächsten Bau ergebt es ebenso. 1453 verliert Domburg auch noch die Stadtrechte. Graf WILLEM V. verpfändet den Ort für zwölftausend Kronen an den Herren von Veere, Hendrik van Borssele. 24 labre später wird Domburg sogar an Veere verkauft. Aber einmal geweckter Bürgersinn bleibt. 1567 steht ein neues Ratbaus. Es bat zwar nur zwei Kammern, aber die Bürger haben es selbst bezahlt.

Das Kriegsvolk des Prinzen von Oranien plündert im niederländischen Befreiungskrieg auch Walcheren. Domburg ist verwüstet und verbrannt. Die Herren von Domburg sind nun die Prinzen von Oranien. Sie verkaufen 1648 den Ort an Middelburg. Der neue Herr macht seine Herrschaft deutlich sichtbar: das Middelburger Wappen schmückt ein Ratbausfenster. Mehr investiert der neue Herr nicht.

Den unter der Trias "Freiheit -Gleichheit -Brüderlichkeit" den übrigen Völkern Europas endlich die rechte Staatsform beibringenden Franzosen beliebt es, den Domburger Bürgersinn tief zu kranken. 1792 wird das Rathaus Gefängnis.
Als die Besetzer wieder weg sind, schmücken die Bürger ihr Rathaus mit einem neuen Giebel ( 1822).
Schon seit 1749 schlagt das "betje" aus dem Türmchen den Leuten die Stunden. In unseren Tagen ist das Rathaus völlig restauriert und durch einen schmucken Anbau erweitert worden.

Als Domburg Stadtrechte erhält, behalten die Bürger einen geistlichen Herrn: den Bischof von Utrecht. Doch die Abte von Middelburg lassen viel mehr spüren, daß man von ihnen abhängig ist.
Zwei Parochien teilen sich Domburg. Die Kirche "in der Burg" (Ostdomburg) hat die HI. Agathe zur Patronin. An St. Gerulfus ist die Kirche "außerhalb der Burg" (Westdomburg) geweiht und untersteht der Kirche von Westkapelle, St. Agathe der Kirche von Ostkapelle. Der dazu gehörende Friedhof lag südlich vom Groentje. Die Kirche wird 1320 nach dem heutigen Aagtekerke verlegt. Am alten Platz entsteht ein Bauernhof, der "Beuterkapel" (Butterkapelle).

Die Einwohnerzahl von Domburg ist sehr klein geworden. Deshalb werden die Parochien vereinigt. St. Gerulfus behält seinen Standort am Markt. Die untersten Teile des Kirchturmes und des westlichen Schiffes der heutigen Hervormde Kerk sind um 1300 entstanden. Die "Zeeuwse moppen" lassen das erkennen. Es sind jene großen Backsteine, die aus salzhaltigem Ton gebrannt wurden. An manchen Stellen haben sie eine Glasur. Die kleineren Backsteine an Turm und Kirchenschiff stammen aus späteren Zeiten. Die Kirche wurde im 17. und 18. Jahrhundert mehrmals wieder aufgebaut.
1574 wird in Domburg die Reformation eingeführt. Das hindert die Calvinisten nicht, NEHALENNIA, 1647 aus der See geborgen, gleich in 42 Exemplaren in der Kirche aufzustellen. "Onze lieve Vrouwe" fühlt sich geehrt. In den 200 Jahren, die nun folgen, erlebt sie viel Neues. Brausende Psalme, aus zeeländischen Kehlen gesungen, umrauschen sie. Wie friedlich sind doch die Nachkommen jenes Willibrord geworden! Nur in den langen Reden kommt ihr Name nicht mehr vor. Dafür der Sohn eines GottesJ der zu ihrer Zeit noch unbekannt war.

Doch DONAR lebt noch. Sein Blitz trifft 1783 den Kirchturm. Der Brand wird gelöscht. Inzwischen haben die Menschen Lesen gelernt und schreiben Zeitungen. In einer Middelburger Zeitung steht damals, daß das Läuten der Glocken in Domburg bei Gewitter wegen der Anziehungskraft äußerst gefährlich zu sein scheint. Am 10. Oktober 1848 schlagt der Blitz wieder in den Turm ein. Die Kirche brennt aus und viele Votivtafeln werden zerstört. Aber noch trennen sich die Reformierten nicht von "Onze lieve Vrouwe". Sieben gut erhaltene Steine bekommen ihren Platz in der Turmmauer. Erst 1866 sind sie museumsreif.

Nach dem Wiederaufbau der Kirche müssen die Gottesdienstbesucher noch längere Zeit auf das Orgelspiel verzichten. Kirchenrat und Organist haben nämlich einen Streit. Dem Organisten war verboten worden, leise zu spielen. Alles muß schließlich seine Ordnung haben.

Auch das Sitzen in der Kirche. Die Frauen in der Mitte des Kirchenschiffes, die Männer auf erhöhten Seitenbanken. Zu ihrem Glück siebt NAHELENNIA diese Aufwertung der Männer nicht mehr.
Den Kirchturm ziert schon vor der Reformation eine Uhr, die samt Glocke in dem unruhigen jahr 1572 verschwindet. Mit den nachfolgenden Glocken haben die Domburger wohl nie den rechten Ton gefunden. Die von 1612 soll beim Läuten heruntergefallen sein. In Middelburg wieder geschmolzen, wird dem Neuguß eine Anzahl "Zeeuwse rijksdaalders" beigemischt. Der erhoffte Klang blieb aus. So fragte man sich, ob nicht die Taler einer besseren Bestimmung zugeführt worden waren!

Nach dem Wiederaufbau der Kirche wird 1855 in Amsterdam eine neue Glocke gekauft. Der Inschrift nach war diese 1598 in Deventer gegossen worden. Sie hatte lange im Leuchtturm "Brandaris" auf der Insel Terschelling gehangen. Daher die Umschrift: ALIIS IN SER VIENDO CONSUMOR (" Untergegangen um anderen zu dienen"). Diese Glocke ist leider ein Opfer des zweiten Weltkrieges geworden.

Wir empfinden es vielleicht als Entweihung, wenn in einem Kirchturm die Löschschläuche der Feuerwehr zum Trocknen aufgehangen werden. Oder auch die Utensilien vom " Ringrijden " ihren Platz haben. Und wenn dazu noch vom Turm die Nationalfahne webt, denken wir an unsere rheinische Kirchenordnung, die solches verbietet. Aber in den Niederlanden gehören die meisten Kirchtürme dem Staat, der sie auch unterhalt.

IV. Das 19. jahrhundert bevölkert wieder Strand und Ort. Das 20. Jahrhundert läßt die Zeit langsamer gehn. Aber die Zukunft beschließt der "Raad van Domburg"

Seewasser konserviert Schönheit. NEHALENNIA'S Votivtafeln sind ein Beweis. Wer aber schlagt schon gern die Schönheitswünsche der Damen aus? Vor allem, wenn dies Geschäfte bringen könnte? jene Middelburger Herren jedenfalls investieren ihre freiwilligen Spenden und erfüllen gleichzeitig den Drang ihrer Damen nach Salzwasser. Ein Scheveningen auf Walcheren -Domburg macht es möglich. Geht noch 1833 die Reise mühevoll ins Weltbad, nehmen 1834 die Damen ihre Badekur am Domburger Strand. Einige Badewagen, rings herum mit Leinwand abgeschirmt: die Damen haben ihre Kur. Leider noch nicht ganz. Denn wo sollen sie ihre Garderobe ausführen? Das Problem lösen die spendefreudigen Herren, mit 2000 Gulden voran König Willem I.

Am 28. März 1837 wird der Grundstein zum ersten Badpaviljoen gelegt. Der Gästestrom wird größer. 1865 wird das Badhotel gebaut. Im Sommer 1889 steht der neue Badpaviljoen. Mit DamensaIon, Konzertsaal, Lesesaal, Billardzimmer. Von der Veranda bat man den Blick frei auf die See. Wer Gast ist in Domburg, findet sich mit Titel, Namen und Adresse ab 1883 abdruckt in den "Domburgsch Badnieuws ".

Um die Zufahrtswege zu entlasten, wird 1870 schon der Bau einer Eisenbahnlinie geplant. Aber erst 1906 dampft die "Walchersche tram" von Middelburg und Vlissingen heran. Ein Arzt und Masseur aus Amsterdam, in Wiesbaden praktizierend, schickt seine begüterten Patienten an den Domburger Strand. Das Denkmal am "Groentje" errichten dem Dr. j. G. Mezger "seine dankbaren Patienten und Verehrer" ein Jahr nach dessen Tode (1910). Zu den Spendern gehören so Prominente wie der König von Schweden, die Grafen von Wied und der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin. Ein Domburger Bürger baut neben dem Badpaviljoen 1887 einen herrschaftlichen Sommersitz und vermietet ibn der Familie von Wied und der rumänischen Königin. So ehrt die Villa der Name "Carmen Sylva". Der unserer Generation bekannt gewordene Dichter Carl Zuckmayer erlebt als Primaner mit seinen Eltern in Domburg den Ausbruch des 1. Weltkrieges.
Zwischen den beiden Kriegen wird Domburg weiter vom reichen deutschen und europäischen Hochadel geliebt und besucht. Bis 1933 die finstere Geschichte unseres Jahrhunderts beginnt. Im 2. Weltkrieg werden Domburgs Hotels und Pensionen von deutschen Besetzern requiriert. Die Zeit steht still. Nach dem Krieg sind es zunächst die belgischen Nachbarn, später wieder Deutsche, die als Gäste nach Domburg kommen. Mit der Urlauberseelsorge tragen die Kirchen viel dazu bei, daß Aussöhnung zwischen den Völkern geschieht. Viele Belgier und Deutsche erwerben Ferienhäuser, schließlich auch die Hildener.

Über Domburg ist die Neuzeit gekommen. Noch liegt die Idylle des beschaulich Alten über dem Badeort. Wie soll es für die Zukunft weitergeben? Muß das einmal anspruchsvolle und noch heute teure Seebad dem Massentourismus weichen ? Denn offiziell ist die Provinz Zeeland Erholungsgebiet.

Noch tagt auch der Rat der Gemeinde über diesen Fragen. Für unsere Verhältnisse allerdings beschaulich ruhig. Wie bei uns vertritt jede Partei ihre Interessen. Einig waren sie sich beim Bau des "Dorphuis" ("Schuttershof'): Die Bürger von Domburg haben "ihr" Haus! Kommen nun die Sommergaste ins Blickfeld? Im "raad" besteht Einigkeit gegen den Plan eines Neubaues des Badhotels, der sich vielstöckig aus dem Wald über die Dünen erheben soll. Einigkeit auch darin, daß der Ortskern weiter von Einwohnern bewohnt werden muß. Worüber sich der Rat sehr bald einig werden sollte ist, was Domburg außerhalb der kurzen Sommerzeit anzubieten bat: Meerwasserschwimmbad, Anwendungen - was fast jedes deutsche Nord und Ostseebad besitzt. Die Zeit darf in Domburg wohl langsamer gehen. Sie sollte aber nicht stehen bleiben.

ZEELANDS HAUPTSTADT: Middelburg

I. Der "Lange Jan" überragt alle und sein Glockenspiel läßt weltliche Weisen erklingen: Die Abtei

Archäologische Ausgrabungen der vierziger labre haben eine alte Streitfrage gelöst: Middelburg ist als Stadt um eine Burg herum entstanden. Es ist jene karolingische Fluchtburg in der Biegung des Flüßchens Arne, die den Normannen den Spaß an der Eroberung von Walcheren verderben sollte. Da dies nicht gelang, gibt Kaiser LOTHAR I. dem Normannen HARALD 841 Middelburg zum Leben. Wie lange sich die Normannen in Middelburg wohlfühlen, läßt sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls sind sie eines Tages an Bord ihrer Drachenschiffe gegangen, haben ihre Schilde an die Reling gehangen und fuhren die Schelde hinab um niemals wiederzukehren.

Innerhalb der Mauem der alten Burg nahmen andere Wohnung. Um 1100 sind es flämische Augustinermönche, die einen Klosterbau beginnen. Für die Middelburger Fischer, Schiffer und Händler müssen sie mehr als nur geistliche Herren gewesen sein. Weil sie über die Stränge schlagen, vertreibt sie GODEBALD, der Bischof von Utrecht.
Ihre Nachfolger sind Prämonstratenser, auch nach dem Stifter des Ordens, Norbert von Xanten, "Norbertiner" genannt. Sie kommen von der Abtei St. Michael aus Antwerpen und sind der Jungfrau Maria geweiht. Sehr bald wird das Kloster Abtei. Der Abt ist autonom und die Abtei untersteht nicht mehr dem Bischof Auch die Grafen von Holland begünstigen die Abtei und so bekommt diese im Laufe des Mittelalters große Macht und angeblichen Reichtum Die Middelburger Abte nutzen das. Die Abtei besitzt ausgedehnte Ländereien. Die Mönche machen Land urbar, bauen Deiche, führen neue landwirtschaftliche Verfahren ein und bauen ihre Abtei. Alles ist vorbanden: Kirche, Räume der Mönche mit Kreuzgang, Schlafsaal, Krankensaal und Refektorium Von diesen getrennt: Wirtschaftsgebäude, Kräutergarten, Brauerei, Gästeräume und Getreidespeicher. Alles wird von einer Mauer mit Zinnen und Türmen umgeben.

Gewöhnlich ist der Grundriß einer Abtei rechtwinklig, Der Aufbau der Middelbutger Abtei jedoch zeigt, daß sie in ihrer Ausdehnung in der Burg gebaut wurde und 1254 fertig ist. Die Kirchen stammen erst aus dem 14. Jabrhundert. Mauerreste deuten darauf bin, daß die erste Kirche romanischen Baustil bat te. 1266 wird die Abtei auch Parochie. Seit dem gibt es zwei Kirchen: die "Koorkerk" und die "Nieuwe

Kerk"" Die Koorkerk stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert und ist im Stil der flämischen Backsteingotik erbaut. Sie war die Klosterkirche. Die Bürger gingen in die Nieuwe Kerk, die dem Heiligen Nikolaus geweiht war. Sie ist eine zweischiffige gotische Hallenkirche mit Holzgewölben, aber obne C bor.

Durch den Wiederaufbau der am 17. Mai 1940 durch einen Bombenangriff zerstörten Abtei und Stadt haben die Kirchen ihren ursprünglichen Charakter im Mittelpunkt der Stadt wieder erhalten. Der 86 Meter bobe "Lange lan", im Brabant-gotischen Stil erbaut, ist mit seinem wunderschönen Carillon das Mittelstück. Es besteht aus 49 Glocken, die größte wiegt 5.335 kg. Alle Viertelstunde ertönt eine kurze Melodie, während jeweils zur haIben und zur vollen Stunde eine längere Weise gespielt wird.

Nach der Einführung der Reformation wird die Abtei säkularisiert und die Mönche müssen abziehen. Die Abtei wird dann Sitz der Provinzialregierung von Zeeland. Auch das "Zeeuws Museum" befindet sich dort, Die "Nieuwe Kerk " wird Gottesdienststä"tte der Hervormde Kerk, die "Koorkerk " dient heute der Gereformeerde Gemeente als Kirche.

II. Der Stolz des Bürgertums: Neptun als Wetterfahne, eine Königin als "Onze lieve Vrouwe": Das Keldermans'sche Ratbaus

Der Normannenfürst HARALD findet Nachfolger, die Middelburg begünstigen. Durch das ganze Mittelalter sind es die Grafen von Holland. Darum dürfen sie sich, steinern zwar, täglich vom Ratbaus aus das Markttreiben ansehen. Immerhin überwindet die Gunst der Grafen alle Neider und Feinde der Stadt.

Graf WILHELM VI. verleibt der Stadt 1406 das Stapelrecht. Damit beginnt der Handel. Die durchziehenden Kaufleute werden gezwungen, ihre Waren feilzubieten. Die Bevölkerung wächst, stattliche Häuser entstehen und auch die Schützen bauen ihre Höfe. 1450 beschließen die Bürger, Land für ein Ratbaus zu kaufen. Daß dabei die Westmonsterkirche abgerissen werden muß, hindert erwachenden Bürgersinn nicht.

Ratbaus und Fleischballe in Kombination: nach einigen labren stebt der erste Teil des profanen Gebäudes im Brabant-gotischen Stil, errichtet von den Mecheler Baumeistem Andries, Sobn Antony und Onkel Matbijs Keldermans. Bis 1518 haben sie zu tun. Turm und Chorturm fallen schon barock aus. Urenkel Rombaut Keldermans geht mit der Zeit. 1514 -1518 liefert Michiel Ywijnsz, ebenfalls aus Mechelen, die 25 Gräfinnen und Grafen von Holland und Zeeland. Als Wetterfahne ziert Neptun, Herr der Meere, den Rathausturm. Aber im Giebel über der Fleischhalle sitzt "Onze lieve Vrouwe". Also Absicherung nach zwei Seiten? Im 20. Jahrhundert keineswegs mehr. 1910 wird auch das Kind weiblich: Prinzessin Juliana auf dem Schoß ihrer Mutter Königin Wilhelmina.

Durch den Wiederaufbau nach 1940 hat das Rathaus viel gewonnen: den großen Vorplatz als Wochenmarkt (donnerstags), im Inneren den festlichen Bürgersaal, den Trausaal und den Ratssaal, wo man den weisen Spruch lesen kann: "Wie sal het maecken, dat niemand het sallaecken" (,' Wer wird es derart machen, daß keiner etwas auszusetzen hat"). Es lohnt sich, nach Middelburg zu fahren.

ES SCHLUMMERT AM "GAT": Veere

I. Die Kreuzbasilika "Onze lieve Vrouwe ter Sneeuw".

Ob sich die reichen Bürger von Veere einen Namen machen oder nur "Onze lieve Vrouwe" ehren wollten, wissen wir nicht mehr. Aber einfallsreich waren sie. Denn welche Stadt besaß schon eine "Liebfrauenkirche zum Schnee"! In Veere jedenfalls ist die von 1332 -1348 gebaute erste Kirche der Jungfrau Maria geweiht und von Papst Clemens VI. zur Parochialkirche erhoben worden. Schnee, der an der See nur alle Jubeljahre zu erleben ist, ist jedenfalls ein Himmelsgeschenk, rein wie Weihwasser, besser: wie "Onze lieve Vrouwe".
Es ist kaum zu glauben: aber diese erste Kirche ist zu klein geraten! 1405 sind die Pläne für eine neue Kirche fertig und der Bau beginnt. Die alte Kirche bleibt stehen, westlich von ihr entsteht die "Grote Kerk " mit dem Querschiff, dem Querbalken des Kreuzes, gegen die alte.

Nach 30 Jahren Bauzeit kann die Gemeinde Einzug halten in die dreischiffige Kreuzbasilika, die an den Außenseiten der Seitenschiffe noch Seitenkapellen bat. Die alte Kirche wird Priesterchor. Bischof Rudolf von Utrechts läßt es sich nicht nehmen und nimmt zwei Jahre später (1437) selbst die Konsekrierung der Kirche und der neuen Altäre vor. In den nächsten hundert Jahren werden derer sehr viele. Jede Gilde stiftet einen eigenen Altar: die Weinschankwirte den Altar vom Heiligen Sakrament; die Handbogenschützen den für St. Sebastian; die Bäcker und Müller den für St. Hubrecht. Selbst die armen Arbeits- und Schauerleute stiften einen Altar, den sie St. Joris weihen. Schließlich sind es derer fast 30, einige sogar aus Marmor, mit kostbaren Gemälden geschmückte Altäre, Kaiser KARL DER KÜHNE schenkt einen silbernen Kopf mit einer Reliquie des Heiligen Perpetuus, Bischof von Turin.

Zur Ausschmückung der Kirche wird 1479 Antony Keldermans aus Mechelen beauftragt, der als Baumeister der Rathäuser von Middelburg von Veere fast ortsansässig ist. Dieser vergrößert den Turm (1495), damit er noch zweimal höher werden kann (was er nie wird!). Rombout Keldermans führt die Arbeiten weiter, vergittert den Chor mit Messing und die Seitenkapelle ebenfalls. 1543 wird das Gewölbe fertig und bis zum Ausbruch des niederländischen Befreiungskrieges werden das reich mit Schnitzereien versebene Holzportal unter dem Turm und das monumentale Westportal fertiggestellt. 1470 wird die Kirche Kollegialkirche mit 12 Domherren.

1572 erklärt sich Veere für den Prinzen von ORANIEN. Die Kirche wird reformiert. Alle kirchlichen Güter werden beschlagnahmt und zugunsten der Kriegsführung gegen Spanien verkauft. So werden alle Kostbarkeiten aus der Kirche zu Geld gemacht. Allein aus kupfernen Gegenständen 5891 kg verkauft. Der Kirche war damit, ohne Bildersturm, alles genommen, was an den katbolischen Gottesdienst erinnerte. 200 jahre später konnte der calvinistische Prediger josua van Iperen seiner Gemeinde predigen:
"Alles, was ich hier mit meinen Augen gewahre, in diesem Tempel, in diesem Prunkjuwel der Baukunst, erfüllt mich mit Freude. .. Wohin wir blicken, wohin wir uns wenden, wir finden hier keine Bilder, keine Altäre, nichts, was in irgendeiner Weise Anlaß zum Aberglauben geben könnte. Alles erinnert hier an die apostolische Einfachheit. "

Die Kirche, entworfen und gebaut als eine große Kreuzbasilika, war witklich ein Kunstwerk im Brabant-gotischen Stil, errichtet aus Natursteinen der Brüsseler Steinbrüche. Die Portale waren mit reichen Steinmetzarbeiten verseben, das dreischiffige Kirchenschiff mit Säulen, deren Kapitelle Kohlblattmotive hatten.

GRUNDRISS DER "GROTE KERK"
A Mittelschiff
B Seitenschiffe
C Seitenkapellen
D Turm
E Vierung
F Querschiff
G Sakristei
H Kleine Kirche
(älter als die "Grote Kerk", früher Priesterchor)
J drittes Schiff des Chores (bis zum Abbruch 1832 schottische bzw. lutherische Kirche)
K Mauer von 1598 zwischen "Grote Kerk" und Chor-Kirchen

II. Die "Grote Kerk" erlebt Oekumene. Ihre wechselvolle Geschichte: Kirche - Kaserne - Lazarett - schließlich kulturelles Zentrum

Die Bewohner von Veere erhielten ihre Grabstätten in und bei der Kirche. In der Kirche sind 176 Gräber und Grabmäler bekannt. Einige von ihnen tragen bemerkenswerte Inschriften, wie diese:
"Hier liegen begraben die Diener der Gemeinde Jesu Christi, die wegen der schweren Verfolgungen und des Gewissenszwanges Frankreich nach der Aufbebung des Ediktes von Nantes (1685) ihr Vaterland und ihr zeitliches Gut verlassen haben um Jesus Christus treu zu bleiben und sich zurückgezogen haben unter den Schutz dieser Länder und berufen wurden in der französischen Kirche in der Stadt Veere: Antbony Ca te I, geboren in Sedan, vertriebener Pastor aus Compeign in der Picardie, gestorben am 21. August 1687 im Alter von 38 Jahren. Estienne Robert, vertriebener Pastor aus Guinnes, gestorben am 18. Dezember 1688 im Alter von 36 Jahren."

So wird Veere, wie Middelburg, Zufluchtsort für verfolgte und vertriebene Glaubensbrüder aus Frankreich und den südlichen Provinzen. Sie bilden als französisch sprechende Calvinisten die " Waalse Kerken" (Wallonische Kirche), die seit der Synode von Dordrecht 1578 eine besondere Gruppe innerhalb der reformierten Kirche ist. Wird schon 1613 das dritte Chorschiff vom Chor durch eine Mauer abgetrennt für die "Schottische Gemeinde in Veere", so teilen sich die "Hervormden " und die wallonische Gemeinde gemeinsam ab 1652 die übrigen beiden Chorschiffe als "Kleine Kirche " und die " Grote Kerk ". Der Chor war schon 1598 von der Kirche durch eine Mauer abgetrennt worden, da er als Lagerbaus vermietet worden war.

1686 werden alle drei Kirchen durch einen Brand zerstört. Zwei labre später wird die " Grote Kerk " wieder in Gebrauch genommen, 1699 auch die Schottische Kirche und die "Kleine Kirche". So predigen irn 18. Jahrhundert in Veere vier niederländisch-bervorrnde, ein wallonischer und ein schottischer Pfarrer unter einem Dach! Obwobl der Tbeologe und " Vater des Völkerrechts", Hugo de Groot, 1608 in der "Grote Kerk" mit Maria van Reigersberg, Bürgermeistertöchterlein aus Veere, getraut wird, bat der Religionsstreit der "Remonstranten" nicht nach Veere gereicht. Dem Reformator von Zeeland und Pastor von Veere, lan van Miggrode, wird 1774 in unmittelbarer Nähe des St. Sebastianaltars eine Gedenksäule errichte t, die in der Franzosenzeit gerettet und in die "Kleine Kirche!' gebracht werden kann, wo sie heute noch steht.


Irn labre 1800 beschädigt ein schwerer Sturm die "Grote Kerk". Sie kann nicht mehr benutzt werden. 1809 beschießt die englische Landungsflotte Veere und beschädigt auch die Kirche, Seitdem werden in der "Grote Kerk " keine Gottesdienste mehr gehalten. Die Engländer benutzen sie als Kaserne und Lazarett. 1811 requiriert ein napoleonischer General die "Grote Kerk ", Die Innenausstattung wird völlig zerstört, die Fenster werden zugemauert, vier Stockwerke eingezogen. Im Erdgeschoß bringt die Kavallerie ihre Pferde unter. Der Rest wird Lazarett für 800 Soldaten. Die "Kleine Kirche" wird in eine granatensichere Kaserne umgebaut. Nur die "Schottische Kirche" darf noch für den Gottesdienst gebraucht werden. 1821 werden die Kirchen der Hervormde Gerneente zurückgegeben, aber diese benutzt künftig nur noch die Chorkirche. Die Schottische Kirche wird lutherisch (bis zum Abbruch 1832). Schon 1817 ist die wallonische Gemeinde aufgehoben worden.

Aus der "Grote Kerk" wird 1822 ein Arbeitsbaus der Provinz Zeeland und bat bald 250 Insassen. 1833 wird sie wieder Lazarett, 1866 Kaserne. Und als sie 1875 der Gemeinde für 1403 Gulden zurückgegeben werden sollte, gibt es Protest weil zu befürchten ist, daß man sie abreißt. So übernimmt der Staat die "Grote Kerk" und beginnt, Denkmalschutz zu üben. Er braucht dazu 100 labre. Am 4. luli 1975 erbä'lt sie eine neue Bestimmung: Ausstellungsraum und kulturelles Zentrum in Veere.

III. Eine Heirat bringt Reichtum, ein Deich das rubigste Städtchen im Land: "Stadhuis" und "Campveerse toren"

Ein Fischerdorf mit einer Fähre nach Nordbeveland, mehr war Veere nicht, als es die Herren van Borssele irn 13. Jahrhundert mit viel Land an der Nordostseite der Insel Walcheren als Leben erhielten. Ihr Schloß bauten sie landeinwärts. Und so entsteht das Dörfchen Zandijk. Aber Veere gehört die Zukunft. In den Jabren 1400 1600 bringen es die Herren van BORSSELE und das Haus BURGUND zur Blüte.

Eine Sturmflut, die in dieser Zeit Zeeland heimsucht, hilft den Herren von Veere. Sie wirkt sich so gewaltig aus, daß sich die Westschelde erheblich verbreitert und die Durchfahrt von Seeschiffen ermöglicht. Davon profitiert auch Veere. Man gräbt einen Hafen, baut Wälle und umgibt den Ort mit Grachten. Während der Zwin mit dem Hafen von Brügge versandet und den Niedergang der alten Hansestadt einleitet, gewinnen die Städte Walcherens. Was die Naturgewalten beginnen, Politik festigt es. Einer der Herren von Veere, WOLFERT IV. VAN BORSSELE beiratet Prinzessin MAR~ Tocher des schottischen Königs lAKOB I. Prompt verlegen die Schotten ihren WollbandeI nach Veere.

HENDRIK IV. VAN BORSSELE, Herr von Veere und Walcheren (außer Middelburg) herrscht allein 60 Jahre. Ihm verdankt die Nachwelt den Bau des Ratbauses ( 1474 -151 7) im Brabant-gotischen Stil. Eine verkleinerte Kopie des Middelburger Ratbauses, aber mit besseren Maßen. Antony Keldermans ist wieder der Baumeister. In der Hauptfassade stehen 7 Herrinnen und Herren derer van Borssele-Burgund, von Michiel Ywijnsz in Stein gehauen, jede Figur unter einem Baldachin. Nachdem sie dort 400 Jabre ausgeharrt hatten, dürfen sie ihren Lebensabend im Schottischen Haus, dem Museum von Veere, verbringen. Ein Professor Wenckebach schuf Kopien, die nun weiter auf die Beschauer niederblicken.

Von 1594 -1599 baut Adriaen de Muer aus Brügge das schlankste Ratbaustürmchen von Holland. Frühe Renaissance paart sich nun mit der Gotik. 1735 erhält der Trum ein Carillon mit 34 Glöckchen, die halb innen, halb außen aufgehangen sind. Den Turm krönt als Wetterfahne ein Viermastkriegsschiff, im Topp die Wappen derer von van Borssele, Oranien und der Provinz Zeeland. An der linken Ecke des Rathauses kann man den Pranger sehen, wo früher mancher Bösewicht seine Strafe gleich verbüßen konnte, die ihm im Gerichtssaal des Rathauses aufgebrummt worden war.

Um 1500 erhält die Hafeneinfahrt zwei wuchtige Türme ("Campveerse toren"). Der eine, durch Ebbe und Flut unterspült, versinkt in der stillen Nacht zum 26. Februar 1630 in das 11 Veerse Gat" und ist heute nur noch im Stadtwappen vorbanden. Der "Zuiderhaventoren" diente allezeit als Herberge für Kaufleute und Seefabrer und ist jetzt ein vielbesuchtes Hotel.

Zur Zeit ihres größten Wohlstandes um 1600 zählte Veere innerhalb und außerhalb ihrer Mauern mehr als 700 Häuser und über 5000 Einwohner. Unter ihnen eine stattliche schottische Kolonie. An die große Zeit erinnert der über 50 cm hohe silberne Becher, den MAXIMILIAN VON BURGUND, Herr von Veere und Admiral Kaiser KARL'S v: im labre 1551 seiner Stadt schenkt. Bei der Weltausstellung 1909 in Amsterdam gezeigt, bot Baron Rothschild aus Frankfurt eine halbe Million Mark. Bei leerer Kasse wollte der Gemeinderat das Geschaft machen, doch die Regierung vesagte die Genehmigung. So ist der Becher der kostbarste Schatz, den Veere vorzeigen kann. Der Stifter aber, Maximilian von Burgund1 wird am 21. Oktober 1555 vom Kaiser KARL V. zum Marquis von Veere erhoben. Noch heute darf sich Veere Marquisat nennen und bat die Königin als Marquise.

Ebenso rasch wie der Aufschwung war Veeres Verfall. Der Wettbewerb von Middelburg und das Vesanden der Fahrrinne waren die Ursachen. Am 7. April 1961 verläßt die Veere Fischerflotte zum letztenmal den Hafen, bevor der zwischen Walcheren und Nordbeveland gebaute Damm das 11 Veere Meer" von der Nordsee abschließt. Veere liegt nun an einem 22 km langen Binnenmeer und ist ein Zentrum für den Wassersport geworden.

EINST "DIE KÖNIGIN UND DER SCHLÜSSEL DER NIEDERLANDE": Vlissingen

I. Die St. Jacobuskirche und das "De Ruyterfenster"

Von der am Beginn des 14. Jahrhunderts gebauten St. Jacobuskirche stammen nur noch der Unterbau des Turms und der östliche Teil des Chores. Im 16. Jahrhundert wird die Kirche zur spätgotischen Kreuzbasilika erweitert. Das Gewölbe war immer aus Holz, nur die Kapellen haben steinerne Kreuzgewölbe. Um 1560 erhält der Turm einen hölzernen Oberbau in Renaissanceform, bekränzt mit einem birnenförmigen Helm als Krone.

1572 wird die Reformation eingeführt, 1628 das nördliche Quergebäude als Kirche für die englische Gemeinde abgetrennt. 1911 zerstört ein Brand die Kirche fast völlig. Bis 1915 ist sie wiederhergestellt. Nach Kriegs und Wasserschäden erfolgt 1953/54 die Restauration (Turm 1961/62). Das Carillon mit 47 Glocken wird 1951 angebracht.
Das große "De Ruyterfenster" an der Westfront des nördlichen Seitenschiffes wird im Juni 1966 enthüllt. Aus Anlaß der 350 jährigen Feier der Geburt des Admirals Michiel Adriaenszoon de Ruyter (1957) kam der Gedanke auf, dieses Kirchenfenster mit den wichtigsten Begebenbeiten seines Lebens auszustatten. Es sind nicht Taufe und Eheschließung des späteren Admirals von Holland und West-Vriesland, die in der Kirche stattfanden. Es sind drei historische und drei biblische Motive, welche die niederländischen Generalstaaten als europäische Verteidiger der Reformation zur Zeit der Gegenreformation darstellen: als Seemacht und als Befreier. Denn: am 11. Februar 1676 erzwingt de Ruyter, als er mit seiner Flotte Neapel belagert, die Befreiung der unter Kaiser LEOPOLD 1. als Galeerensklaven verkauften ungarischen reformierten Pfarrer. Die biblischen Motive zeigen: Gottvertrauen (Daniel in der Löwengrube), Beruf Gehorsam -Pflicht (Elisa folgt dem Ruf Elias) und Stärke -Friede -Furcht des Herrn (Offenbarung).

II. Fischerei - Kauffartei - Kaperei: Hafen und Industriestadt

Der Seewind vermischt sich mit dem Geruch von Fisch und Teer: Vlissingen ist Industriestadt. Der Boulevard erinnert mit seinen vornehmen Hotels an ein Seebad.
In einer Urkunde vom 28. März 1247 wird Vlissingen als Pfarrgemeinde bezeichnet. Es gab eine Kirche, ein Pfarrbaus und ein Spital. Und eine Fähre nach Flandern. Die Menschen ernährten sich von der Fischerei. WILLEM 111., Graf von Holland und Zeeland, läßt 1306 1308 einen neuen Hafen bauen mit Vorbafen, "Koopmansbaven" und Hinterhafen. Zu Zeiten PHILIPPS von BURGUND kommt 1443 der englische Hafen hinzu. Willern III. gibt 1315 dem Ort beschränkte Stadtrechte.

Die Handelsbeziehungen zu England gedeihen und Vlissinger Jungs fahren zur See. Hinzu kommt der Heringsfang. Pbilipp von Burgund verleibt 1444 der Stadt den Heringszoll. Dies ist eine Art Stapelrecht: die Heringe müssen in und um Vlissingen verkauft werden.

Aus Geldnot verkauft Pbilipp 1453 Vlissingen (wie Domburg und Westkapelle) an Hendrik van Borsselen, Herr von Veere. Die Stadt bleibt nun in Erbfolge bei den Herren von Veere. Kaiser KARL V. läßt an der alten Hafeneinfahrt eine Festung bauen und nennt in seinem Testament an seinen Sohn PHILIPP II. Vlissingen "die Königin und den Schlüssel der Niederlande". Aber auch er kauft die Stadt von Veere nicht frei.

Im niederländischen Befreiungskrieg bat Vlissingen spanische Besatzung. Die Wassergeusen beginnen 1571 die Blockade der Stadt. Ein Gerücht, daß weitere Spanier die Garnison verstärken sollen, ruft die Bevölkerung zum Aufstand auf Am 13. April 1572 ist Vlissingen eine freie Stadt und auf der Seite des Prinzen von Oranien. Als Lohn erhält Vlissingen und auch Veere einen Sitz in den Generalstaaten. Prinz WILLEM I. kauft 1581 für Vlissingen das Marquisat. Die freie Stadt wird durch den Bau des "Nieuwe Haven" wieder belebt. Ein neues Ratbaus, das dritte, wird 1594 gebaut und die Stadt mit Wällen umgeben.

Im 17. und 18. Jahrhundert erlebt Vlissingen ihre Blütezeit. Ost und Westindische Kompagnie lassen den Handel blühen. Auch mit Sklavenhandel verdient man Geld und die "vrije neering" (freies Gewerbe = Kaperei!) bringt hübsche Gewinne. Die Blütezeit beenden Napoleons Truppen. 1795 zieben sie in Vlissingen ein. Die englische Flotte beschießt am 13. August 1809 die Stadt. Es sollen 1100 Kanonen gewesen sein, deren Granaten in 24 Stunden die Stadt zerstören. 1814 ziehen dann die Franzosen ab.

Im selben Jahr werden die Lotsen von Antwerpen nach Vlissingen verlegt, ebenso die Marinewerft. 1873 werden neue Häfen gebaut, der Kanal durch Walcheren und die Eisenbabnverbindung mit dem Inland. Zwei labre später die Werft "De Schelde". Die Dampfschiffabrt "Zeeland" nimmt um 1880 den Liniendienst mit England auf.
Im 2. Weltkrieg, vor allem in der Nacht zum 1. November 1944, wird Vlissingen furchtbar zerstört. Der Landung der Engländer gebt eine ungeheure Bombardierung und Beschießung voraus. Vlissingen ist heute eine moderne Industriestadt und ein bevorzugtes Einkaufszentrum auf Walcheren.

IN "DE MANTELING": Kasteel Westhove

Die Middelburger Äbte als Gastgeber und Jäger

Von Domburg nach Westhove ist ein beliebter Spaziergang durch den Wald ("ter Manteling"). Früher kamen die Besucher aus Richtung Middelburg: Abte, Mönche und Gäste der Abtei. Westhove wird schon 1277 genannt. Die Middelburger Äbte haben dort ihren Sommersitz, empfangen hier die reisenden geistlichen und weltlichen Herren. Aber auch die ihren "Zehnt" zahlenden Untertanen treten täglich an. Ein ganzer Flügel des Schlosses war reserviert als Herberge für Landesfürsten, Statthalter und Grafen, wenn zur Jagd geblasen wurde.

Das Kasteel ist umgeben von Grachten. Durch eine Vorburg kommt man in das in einem Viereck angelegte Schloß mit hufeisenförmigen Ecktürmen. Der Haupteingang in den inneren Tortürmen führt in die Eingangshalle und den Durchgang zum Hofgarten.

Im 80 jährigen Krieg (Freiheitskrieg der Niederlande 1568 - 1648) erleidet das Schloß viele Schäden. Da man das Schloß mit hohen Nebengebäuden umbaut hatte, konnten die Wassergeusen 1572 den hinteren und den Seitenflügel des Schlosses niederbrennen. Nach dem Krieg gibt es keine geistlichen Herren mehr. Westhove geht in weltliche Hände über. Die jeweiligen Herren passen es ihren Wohnbedürfnissen an, ohne sich mit dem ursprünglichen Baustil zu befassen. Auch die Zugangsbrücken bauen sie aus Stein. Umgeben wird das Schloß schließlich mit Ställen und Wohnungen, einer Orangerie mit Gärtnerwohnung, Gärten und Obstgärten.
In der Orangerie ist nun das "Zeeuws Biologisch Museum " eingerichtet. Das Schloß selbst ist, nach einer gründlichen Restaurierung, leider noch nicht zugänglich.

zurück

 

[Startseite] [Verein] [Ferienheim] [Umgebung] [Anreise] [Kontakt] [Gästebuch]
Web Design UP&HW, Copyright © 2004, webmaster@ferienheim-domburg.org, zuletzt geändert 11.02.2007